
Uwe Reinwardt Fotografie & Journalismus
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Leseproben...
Mara Jiourgas
Gottfried Reimer
Hartmut Jentzsch
Tanzen unheimlich
Erde ist Medizin
Netter Bogen
Im Portrait: Mara Giourgas
Eine Seilbahn, oder eine Waage...
Jahna-Pulsitz wirkt heute etwas verschlafen, obwohl ein gewöhnlicher Wochentag über die Bundesstraße 169 rollt. Weitab vom Verkehrslärm, im Schnitt des kleinen Flüssleins Jahna, das heute besonders leise vor sich hin plätschert, finden wir Mara geschäftig hinter einer kleinen Umzäunung.
Noch fehlt der Sonne die Kraft, um die dichte Wolkendecke zu sprengen, dafür aber werden wir vom schönsten Lächeln begrüßt, das so durch und durch Sonnenwärme verströmt. Mara Giourgas ist in Griechenland geboren, genauer gesagt in Athen. Sie ist eine Bilderbuch-Griechin, wenn man so sagen darf. Jedenfalls darf sich der geneigte Leser genau so eine Griechin vorstellen, wie sie heute in Jahna-Pulsitz lebt...
Aber warum ausgerechnet in Jahna-Pulsitz? Ist es nicht zu kalt hier? Und zu spröde? Die Fragen sind berechtigt, schnell aber stellt sich das Warum nicht mehr. Maras Mutter stammt aus Mittweida, ihr Vater ist Grieche. Das Ergebnis ist nicht Mathematik, sondern Liebe. Mara beginnt uns zu erzählen, wie alles begann. Ihre Lebensstationen füllen Stunden des Erzählens, der Rückschau und dem Nachdenken, warum es so ist, wie es eben ist. Immerwährende Reflektion, das Nachdenken um die Lebensdinge, - sind dies nicht deutsche Eigenheiten?
Mara ist Waage, in wenigen Tagen hat sie Geburtstag, ein runder Tag, höchstwahrscheinlich ein Fest. Sie erzählt uns, dass es gar nicht so ist, mit der Waage. Immer nur ausgleichend ist sie mit Sicherheit nicht. Sicher ist das Auspendeln nach einer Seite hin; auf der einen Seite Griechin, auf der anderen Deutsche. Die Waage zu halten ist beinahe ein Unding, ein Widerspruch.
Wir sitzen vor Maras Haus, ein Hort der Sinnlichkeit. "Villa Duck-Dich" lesen wir auf einem Schild am Hausgebinde, klein aber ungemein schön. In jahrelanger Kleinarbeit hat sich Mara ein Kleinod geschaffen, einen Rückzugort vom harten Tagesgeschäft, Arbeit im Gesundheitswesen. Eigentlich wollte Mara Pfertewirtin werden, wurde aber wegen einer Heu-Allergie Kinderkrankenschwester. Dieses kleine Häuschen inmitten der Jahna-Aue beschreibt am besten den Weg, den Mara bislang gegangen ist.
Widerstände eingeschlossen und doch weit geöffnet die Fenster und Türen, wie man es vielleicht von Griechenland kennt. Offenheit ist ihr wichtig, sie mag keine Masken vorm Gesicht. Das Deutsche ist ihr manchmal ein Grausen, der Perfektionismus, die Geradlinigkeit. Sehr oft gibt es die Momente des Zweifelns, des Krankseins darüber, gespalten zu sein, zerrissen.
Mara ist sehr emotional und voller Temperament, ihre griechischen Wurzeln kann und will sie nicht leugnen. Wozu? Während des Gesprächs fällt kein einziges Mal das Wort Heimat. Zu vermuten steht aber, dass hier ihre Heimat ist, dieser Flecken Erde, der so furchtbar deutsch sein kann. Oft, erzählt Mara, gäbe es Probleme mit der deutschen Mentalität mit ihrer Oberflächlichkeit, ihr Eigensinn und ihre Kälte.
Kleinbürgerliches Denken ist ihr abgegangen, jenes Gefangensein in "Wohnhaft" zwischen Schrankwand und Couch ist heute kein erstrebenswertes Ziel mehr. Damals, Mara hatte einen Deutschen Mann geheiratet, war das anders. Maras Lebendigkeit wurde unter dem Sterbetuch deutscher Gründlichkeit begraben, ihre Seele bekam Schrammen. Nach sieben Jahren Ehe ist ihr nur noch der deutsche Familienname geblieben, ein lästiges Anhängsel.
Doch ihr Doppelleben ist damit nicht begraben worden, der Zwiespalt ist geblieben. Sich damit zu arrangieren ist für Mara reine Fleissaufgabe. Wie alles im Leben. Alles ist Leben, auch ihre zwei Pässe, einen deutschen und einen griechischen. Echte Freunde kann Mara an einer Hand abzählen, Echtheit ist ihr sehr wichtig. Von falschen Freunden hat sie genug und überhaupt sind Brüche notwendig, um Holzwege zu erkennen, die man besser meidet.
Aber auch jene Fügungen anzunehmen, die das Leben bietet, Schicksal, woran Mara heute ganz fest glaubt. Die Dinge anzunehmen, loszulassen und auch mal, zu gegebener Stunde, Feste zu feiern, mit Freunden zu plaudern und dabei Erbauung zu haben, dies sind Maras Stuhlbeine, auf denen sie gerne Platz nimmt. Dies gesprochen kommt die Sonne hervor, griechischer Akzent mitten im Oktober.
Umtriebigkeit ist auch so ein Stuhlbein, wenn auch ein Widerspruch. Die vielen Lebensstationen, die Mara hinter sich gelassen hat, bilden eine Linie, die man getrost Gelassenheit nennen kann. Gelassenheit ist in Maras Leben eingekehrt, was nicht immer so war. Heute kann Mara gelassen sein, angesichts dieser Stationen des Lebens. Leben in die Bude zu bringen ist Maras Leitmotiv und innerer Antrieb.
Vielleicht war es der deutsche Großvater, der als Seilbahnbauer ständig unterwegs und Lebemann war. Stetig am Ort zu bleiben und dort zu versauern ist nicht Maras Ding. Trotzdem gibt es dieses Haus, eine Heimstätte, einen Rückzugsort. Beinahe wäre Mara vor die Hunde gekommen, denn eine Bruchbude auf die Beine zu heben ist keine leichte Aufgabe.
Im Grunde ist es eine Lebensaufgabe, wie Mara sagt. Vieles hat sie selber gemacht am Haus, Mara erzählt von haarsträubenden Bauaktivitäten und lacht dabei so herzlich, das die Tränen kommen. Noch etwas hat sich bei ihr eingeschlichen: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, diesen Weg gehen zu dürfen, diesen deutschen Weg. Vielleicht ist ja auch eine Seilbahn, oder eine Waage...
Uwe Reinwardt

Mara Giourgas lebt in Jahna-Pulsitz. Sie ist eine Griechin wie aus dem Bilderbuch und trotzdem auch Deutsche...
Foto: Uwe Reinwardt

