Bewegung ist wichtig...
Noch besser ist Tanz.
Alle Fotos: Uwe Reinwardt

Julia Pohlisch, selbst noch Studierende an der Palucca-Schule Dresden, unterrichtet an der Heimerer-Schule

Uwe Reinwardt Fotografie & Journalismus
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Tanzen unheimlich
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"Tanzen unheimlich gern..."
Zwei Palucca-Studentinnen unterrichten an der Heimerer-Schule in Döbeln

 

Nachmittags um halb Drei ist es mit der Aufmerksamkeit nicht weit her, gemeinhin könnte man von der Mittagsruhe reden, die in Kopf und Glieder fährt, zumal nach einem langen Schultag. Schülerinnen und Schüler der Döbelner Heimerer-Schule treffen sich donnerstags in der kleinen "Turnhalle", einem Nebengebäude des Schulhauses, das im Grunde nicht wirklich Turnhalle ist. Zwei Sprossenwände verbreiten allerdings Turnhallen-Charme, ebenso die zu einem Haufen aufgebrachten Gymnastikmatten. In einer Ecke beobachtet ein schlanker Spiegel den relativ kleinen Raum. Hell ist es hier, die vielen Fenster blenden zuweilen unter der tiefhängenden Decke.

Heute sind sie alle geöffnet, denn es ist warm draußen,- zu warm. Und Tanzunterricht für die angehenden Pflegedienstleistenden .Ja, liebe Leserinnen und Leser, sie haben richtig gelesen. Dass das mit dem Tanzen an sich eine ganz tolle Sache ist, darf dem Betrachter, der heute als Hospitator in der Halle sitzt, als Motivation dienen, unserer Schülerinnen und Schüler nämlich wirken jedoch recht müde und abgespannt. Inmitten einer kleinen Schülertraube wirbelt eine junge und schlanke Dame, lange pinkfarbene Trainingshose, Trainingsjacke, das Haar gezopft.

Julia Pohlisch ist Berlinerin, daran besteht kein Zweifel. Als angehende Tanz-Pädagogin nimmt sie die letzten Hürden zum Diplom, die Ausbildung an der renommierten Palucca-Schule in Dresden dauert vier Jahre. Gemeinsam mit ihrer Freundin Johanna Schlösser, ebenfalls Berlinerin, unterrichtet sie donnerstags Tanz für die angehenden Pfleger, Therapeuten und Heilerzieher. Keine leichte Aufgabe, wie es scheint. Aber doch mit sichtbarem Erfolg, wie anders sollte darüber gesprochen werden, nach einem Jahr mittlerweile. Freilich steht das kleine Wörtchen muss dahinter, nicht gerade Antriebskraft. Leichte Erwärmung, schreiten durch den Raum, musikalische Stimulation aus kleinen Lautsprecherboxen: Hip-Hop, Jazz-Dance, "Welt-Pop".

Immer wieder "fliegt" Julia mit großen Schritten in die kleine Abstellkammer, in der die musikalische Anlage steht; Musik will aufgelegt sein, Neustart. Bewegungsimprovisationen, beinahe choreographischer Bewegungsfluss, Koordinationsübungen. Für Maria, Diana, Sindy, Michel, einziger Mann in der kleinen Gruppe, Cindy und Luise schon eine Herausforderung. Julia Pohlisch ermuntert dazu, sich gegenseitig Gewicht abzugeben, Gewicht anzunehmen. Was als Übung anmutet, ist in Wahrheit eine Bestandsaufnahme: Nähe zu wagen, Berührungen zuzulassen, Körperempfinden zu schulen, ist für viele Menschen ungewohnt.

Gerade jetzt in einer völlig "verkopften" Gesellschaft. Musik ist Katalysator, auch in dieser kleinen Turnhalle. Bis der Panzer der Bewegungs- und Gefühlssperre aufgehoben, "aufgebrochen" ist, bedarf es viel Zutun. Takte, Zählrhythmen und immer wieder Aufmunterungen, die Schwung in die Gruppe bringen. Sehr gut! Julia spart nicht mit Lob, sieht viele Fortschritte: "Ich denke, dass es für die zukünftigen Pfleger, Heilerzieher und Therapeuten sehr nützlich ist, selber diese wichtigen Dinge zu erfahren, gerade Körperkontakt, Nähe und Rhythmusgefühl. Behinderte Menschen tanzen unheimlich gern, für sich doch die normalste und schönste Sache der Welt".

Den eigenen Körper kennen zu lernen, betrachtet Julia als die wichtigste Aufgabe. Dafür bedarf es einiges an Mühe, Konventionen zu brechen, antrainiertes Verhalten abzulegen. Indirekt konstatiert sie gravierende Lust- und Interessenlosigkeit; Ziellosigkeit, die Verwirrung stiftet. Nach einer Doppelstunde ist viel gemacht, geschaffte und doch auch zufriedene Gesichter verlassen die kleine Turnhalle, die heute Tanzboden war. Zurück bleiben zwei junge Berlinerinnen, die wissen, was sie wollen, und diese Energie gern weitergeben. Heut gibt es ja noch die "Arbeitsgemeinschaft", freiwillig übrigens...

Uwe Reinwardt

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