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Onkel Kunst...

Er muss still gewesen sein, ganz still. Ein Mensch, der wenig Bezugspunkte in der realen Welt hatte, weil er in der Vergangenheit lebte. In der Vergangenheit seiner Familie. Bei seiner Mutter, die er liebte, verbrachte Gottfried Reimer die längste Zeit seines Lebens. In einer alten Villa an der Grimmaischen Straße in Döbeln, inmitten einer behüteten Familiengesellschaft.

Wie schon sein Vater, war Gottfried Reimer Kunsthistoriker. Die elterliche Villa war an sich schon ein Museum, zahllose Einzelstücke, darunter wertvolle Gemälde, Bestecke, eine riesige historische Bibliothek mit äußerst wertvollen Bänden, große, aufwendig gefertigte Standuhren in fast allen Zimmern, Figuren aus Zinn und Stein, metallene Kunstgegenstände und wuchtige Möbel ließen jeden Besucher erstaunt aufsehen.

Es war ein Leben in der Kunst und mit der Kunst. Außen die kleine Kreisstadt Döbeln, die angesichts derartiger Fülle bedeutungslos werden musste. Doch um Gottfried Reimer ranken sich Gerüchte, er sei ein Nazi gewesen. Zu den Besuchern, die später Reimer aufsuchten, gehörten immer öfter Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit.

Ein Brief des Berliner Freundes Heinz Schuster ging der örtlichen Stasibehörde ins Netz. Kryptische Wortspiele, Vernetzungen, gaben der Stasi Rätsel auf. Dienststellenleiter Oberstleutnant Schmidt müht sich nun persönlich um den Vorgang "Robinson", fand heraus, dass nach dem Krieg über 500 Gegenstände aus dem Besitz der Dresdner Kunstsammlungen unauffindbar verschwanden. Als Kunsthistoriker war Gottfried Reimer ein großer Kenner der Materie.

Wer ahnt denn schon, dass ausgerechnet jener weltfremde Sonderling Hitlers erster Beauftragter in Sachen Beutekunst für das größte in Linz zu bauende "Führermuseum" war? Sicher muss der Name Reimer an der Glocke gestanden haben, in Döbeln aber wusste außer der Stasi kaum jemand etwas davon. Die Ermittlungen des Döbelner Stasi-Chefs Schmidt brachten eine unvorhergesehene Wendung in der Sache "Reimer". Schmidt ahnte, dass er einen dicken Fisch an der Angel hatte.

Reimer wusste bis jetzt nicht, dass er von der Stasi beobachtet wird. Aber was war der Grund für das ausufernde Interesse an Gottfried Reimers Geschichte? Schnell musste ein Erfolg her, Stasi-Mann Schmidt legte einen zu großen Eifer an den Tag, als er von der Berliner Stasizentrale in der Normannenstraße gestoppt wurde. Hans Seufert, direkt dem Mielke-Stellvertreter Gerhard Neiper unterstellt, leitete eine kleine Sondergruppe, die dem verschollenen Bernsteinzimmer auf der Spur war.

Seufert vermutete in Reimer eine der wichtigsten Figuren bei der Verbringung des Bernsteinzimmers. Lange Zeit konzentrierten sich die Ermittlungen auf den merkwürdigen Döbelner Kunsthistoriker, der so gar nicht in das gängige Nazi-Schema passte. Doch die Berliner Stasi wusste, dass mit Reimer keine Geschäfte gemacht werden konnten. Reimer galt als komisch, kauzig. Nach dem Krieg konnte Reimer geschickt seine Tätigkeit für Hitler herunterspielen, lebte sehr unauffällig in der Villa seiner Eltern, die längst schon verstorben waren.

Dass Reimer für die Aufarbeitung, Beurteilung und Verbringung von Beutekunst der Nazis unter Hitlers Befehl stand, und dem bis dato geheimgehaltenen Plan eines Führermuseums in Linz beratend agierte, machte die Angelegenheit besonders delikat. Selbst in kleinstem familiären Kreise verlor er kein Wort über diese Zeit. Einzig der Neffe Ivo hatte mehr Zugang zum "Onkel", wie Ivo immer sagte.

Die Besuche des Neffen aus Bochum sind der Stasi weitgehend verborgen geblieben. Ivo Reimer erzählt vom Onkel, der äußerst zurückgezogen lebte, fast im Verborgenem. Aber erzählen konnte der "Onkel", mit leuchtenden Augen gab er köstliche Anekdoten preis, für die er bestaunt und in gewisser Weise geliebt wurde. Wahrscheinlich war es die Ruhe nach dem Krieg, die dazu beitrug, dass Gottfried Reimer misstrauisch wurde.

Spätestens seit jener Brandschutzkontrolle, die der Döbelner Stasi-Chef Schmidt als Vorwand anordnete, um in die Wohnung des Kunsthistorikers zu gelangen, wusste Reimer, was die Stunde geschlagen hatte. Die Vergangenheit holte ihn ein. Und die Stasi. Jedoch wusste man jetzt, woran man war. Immer aber auch der Abstand, der ein Nichteingeweihter haben muss, wenn er sich der Dienstsache Kunst näherte. Kunst war eine schützende Glocke.

Und es ging um viel Geld, um Beutekunst schlechthin. Behutsam tastete sich die Stasi in das Leben des Gottfried Reimer, erlangte so tiefe Einblicke in den "Kunstbetrieb" der Nazi-Obrigkeit. Reimer blieb wahrscheinlich immer nur ein Werkzeug; durch seine ausgezeichneten Kenntnisse als Kunstkenner und Liebhaber gelangte er in die oberste Riege des NS-Regimes und musste sich den Vorwurf der Mittäterschaft gefallen lassen.

Ob es seiner Weltfremdheit, wie oft zu hören war, geschuldet werden kann, dass Reimer nicht in die Mühlen der Justiz geriet, muss ein Geheimnis der Stasi bleiben. Jener merkwürdige Kauz wurde schnell von den Döbelnern vergessen. Einzig die Villa steht noch heute an der Grimmaischen Straße.

Uwe Reinwardt
Quelle: Berliner Zeitung, 2008

Hintergrund:
Linz ist Kulturhauptstadt Europas 2009. Die relativ kleine Industriestadt kam jüngst erneut in die Schlagzeilen, da bekanntermaßen Adolf Hitler an dieser Stelle ein "Führermuseum" nie dagewesenen Stils bauen wollte. Gottfried Reimer, ein gebürtiger Döbelner, stand bei den Planungen mehr als nur Pate. Er hatte eine Schlüsselfunktion bei der Auswahl der Objekte für das Führermuseum. Die Recherchen der Berliner Zeitung im Jahr 2008 brachten Erstaunliches, jedoch konnte man sich nie so recht der Person Gottfried Reimer nähern. Übrigens ist die Villa Reimer an der Grimmaischen Straße 23 gelegen...

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