Uwe Reinwardt Fotografie & Journalismus
phone 0170 - 29 000 69

Leseproben...
Mara Jiourgas
Gottfried Reimer
Hartmut Jentzsch
Tanzen unheimlich
Erde ist Medizin
Netter Bogen

Netter Bogen

 

Dieser Landstrich hat seinen Namen nur auf der Karte, wenn überhaupt. "Lommatzscher Pflege" lese ich, ein netter Bogen in der Landschaft zwischen Döbeln und Meißen, vielleicht noch ein Stück darüber hinaus. Wie wär's mit einer Radfahrt in die Toskana Deutschlands?

Ich muss zugeben noch nie dort gewesen zu sein, ich meine in der Toskana. In der Pflege schon. Meist durchgefahren. Doch nie durchkreuzt, schon gar nicht mit dem Rade. Also rauf auf den Drahtesel und ab in die Lommatzscher Pflege. Tatsächlich ist nirgendwo ein Hinweis, eine Tafel oder gar ein Schild zu sehen, welches auf die hübsche Landschaft hinweist.

Heute bin ich ein Tourist auf dem Fahrrad, gebe mir Mühe dabei, langsam zu sein. Eine Stunde genügt bereits, die gesamte Pflege mit dem Rad zu durchfahren, vom "Einstieg" in Auterwitz bis nach Meißen an der Elbe. Diese zart geschwungene Landschaft mit ihren zahllosen Pappeln, die aus der Weite gesehen wie Pinien in der Toskana anmuten, der braunrote beackerte Boden, der nur bei bewölktem Himmel schattiert rötlich schimmert, sonst im landwirtschaftlichen Einerlei eher grau scheint, würde viele Menschen erfreuen, sollten sie sich eines Tages hierher verirren.

Touristische Grauzone allerdings, ohne Schild und Tafel, ohne Wegweiser und gezeigter Gastlichkeit. Auf der S32, die Döbeln mit Lommatzsch verbinden soll, kursieren Schlaglöcher. Für uns Radfahrer Erinnerung, dass es viel bessere Straßen gibt, auf denen keine Gehirnerschütterung droht. Einige der schmalen Straßen, die links und rechts von der S32 abgehen, gleichen Flickenbänder, die nur langsam befahren werden können.

Aber wir wollten ja ohnehin langsam reisen. Ich folge nun dem Hinweis nach Schleinitz, dem Ort mit dem gleichnamigen Schloss. Die Felder ringsum sind fast alle abgeerntet, Mais, Raps, Senf und wieder Mais. Monokultur auf einer Krume, die mit zur besten des Landes zählen darf. Früher wurden hier Hackfrüchte angebaut, die dann auch gleich in die Läden kamen.

Heute wird hier nur noch angebaut und abgeräumt, Masse gemacht. Hin und wieder Fleckvieh, still und unbekümmert auf sattgrüner Flur. Schnell von A nach S, überall gackern Hühner, trompeten Flattertiere Willkommensfanfaren. Beinahe idyllisch. Schöner Schein unter Sonnenschein. Zwischen grauen eingefallenen und sicher auch verlassenen Höfen lugen modern sanierte Flecken, unwirklich und doch real: Gießkannenpolitik.

Das wuchtige Schleinitzer Schloss macht etwas her, hier kann man getrost verweilen. Es ist allerdings auch der einzige Ort in der Lommatzscher Pflege, der touristischen Charakter hat, Dorfkirchen und beschauliche Höfe fristen hier einen Dämmerschlaf. Wobei diese Dorfkirchen mit ihren Hauben und Spitzen einen ganz besonderen Reiz haben.

In Schleinitz kann man einkehren und auch übernachten, was woanders ein Problem werden dürfte. Die kleine Dorfschenke gibt es nicht mehr und auch der Dorfkonsum hat sein Leben ausgehaucht. In Leuben komme ich bei Schmittchens vorbei, Obst und Gemüse, Geschenkartikel.

Etwas Wegzehrung, ein kurzes Gespräch. Früher war alles besser, sagt der nette Verkäufer, wir hatten alles am Ort, was gebraucht wird. Jetzt soll auch noch die Sparkassenfiliale zugemacht werden. Protest am Ort, ein Plakat kündet vom Bürgerzorn, der hier umgeht. Bei Schmittchen gibt es dann doch Gemüse aus dem eigenen Garten, leckere Tomaten, Direktvermarktung.

Die wenigen Bauern, die die Pflege beackern, sorgen fürs Große und Ganze, nicht aber für gesundes Obst und Gemüse direkt vom Feld. Agrarkapitalismus zerstört diese Landschaft und auch die Menschen hier. Ich fahre durch den Grund des Ketzerbachtales in Richtung Elbe. Alte Obstbäume winken mir matt zu, sie sind dieses Jahr randvoll und schwer beladen.

Liebliche Schwingungen, Mäanderkreisel, der Ketzerbach macht Krach. Gibt es die ultimative Pflegelandschaft? Kann sein. Ich wollt ja schon immer mal hierher kommen, um vielleicht einen Kalender zu machen. Es ist schön hier, eine idyllische Einöde. Wozu Begriffe ratschen?

In Zöthain steht ein Führerhaus einer einst großen Erntemaschine irgendwo am Schnittpunkt des Dorfes, merkwürdiges Gestade. Dann doch die Bilder, die ich suchte: ein Baumhaus, verwinkelte Streuobstwiesen, eine Sommerlaube am Hang. Hoch droben auf dem Hange sehe ich die Turmspitzen von Meißen, von Lommatzsch und die hohen Windräder bei Mochau. Auch hier keine Wegweiser, Feldwege und Stacheldraht. Mit dem Rennrad kaum zu befahren.

Heute ist Ostwind und man kann tatsächlich die Elbe riechen. Einige wenige Pedalumdrehungen weiter, westwärts dann, erreiche ich Lommatzsch, die ultimativ sächsische Provinzstadt und Herz der Pflege. Schwere LKWs wälzen sich durch zu enge Straßen, wenig Geschäftigkeit. Aus dem Schulgebäude direkt an der Stadtkirche dringt Kindergeschrei, Spatzenlärm unterm Schnittholz.

Viele kleine Nettigkeiten, Wagnisse, Sanierungen. Und doch auch hier der Geruch des Stillstandes, des Verfalls. Hinterhöfe verdecken die Sicht zum Kirchturm, alte Erinnerungen an DDR-Zeiten werden wach. Eine Stadt wie Lommatzsch kann ihre jüngste graue Vergangenheit nicht leugnen. Doch sehe ich Zeugnisse aus längst vergangenen Tagen, die freilich verblichen, immer noch Anmut und Eleganz in sich tragen.

Die Pflege hat bessere Tage gesehen, dies wird immer wieder deutlich. Auf meiner Fahrt durch die Pflege dann doch wieder Gedanken, warum sich der gute Geist nicht durchsetzen kann, anstelle der Globalisierung. Und doch genieße ich diese wunderbare Landschaft, fahre mindestens noch weitere 100 Kilometer kreuz und quer durch die Pflege. Bis ich wiederkomme.

 

Uwe Reinwardt

lommatzsch32

Lommatzscher Hinterhofromantik: Das Abbild der schmucken Stadtkirche...

Galerien...
Heidi
Portraits
Spezial
Bilder der Lomo
Im Revier

RegionDL Selbst..
Startseite
News
Impressum
Links